In der Mode der schwarzen Szene tauchen die Begriffe „Victorian Gothic“ oder „Viktorianischer Kleidungsstil“ ja immer wieder gerne auf. Doch was ist das eigentlich genau, ein viktorianisch angehauchter Kleidungsstil? Und hat das eigentlich etwas mit historischer Authentizität zu tun? Wir haben uns mit dem facettenreichen Thema mal ein wenig genauer auseinandergesetzt und sind dabei auf einige erstaunliche Dinge gestoßen! 

Das viktorianische Zeitalter – Ära des gesellschaftlichen Umbruchs, aber auch der opulenten Mode!

Historisch korrekt betrachtet ist mit dem viktorianischen Zeitalter die sehr lange währende Regierungszeit von Königin Victoria von England gemeint. Die britische Monarchin regierte in der Zeit von 1837 bis 1901 über das sogenannte Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland und war ab 1876 sogar Kaiserin von Indien. In ihrer 63-jährigen Regentschaft erlebte das Land dank der stetig zunehmenden Industrialisierung einen einzigartigen wirtschaftlichen Aufschwung. Auch politisch kam es, wie in vielen europäischen Ländern, in diesem Zeitabschnitt zu revolutionären Änderungen, der Adel verlor zunehmend an Macht und das Bürgertum rückte mehr und mehr in den öffentlichen Fokus. 

Opulent und ausgefallen: Die Modewelt des 19. Jahrhunderts

Die Mode zu Zeiten von Königin Victoria war vor allem durch eine äußerst farbenfrohe Opulenz geprägt. Die vornehmen Damen trugen eng geschnürte Korsetts, Krinoline, Turnüre sowie bodenlange weite Röcke, die mit jede Menge Volants und Rüschen versehen waren. Der kultivierte Mann des 19. Jahrhunderts griff gerne zur Weste und einem wadenlangen Gehrock, zunehmend kamen auch dreiteilige Anzüge sowie die Krawatte in Mode. 

Eine Kopfbedeckung war per se für beide Geschlechter außer Haus ein absolutes Muss, hier dominierten bei den Damen für den Alltag vor allem schlichte Stroh- oder Stoffhauben. Für besondere Anlässe wurde dann aber auch gerne zu breitkrempigen Hüten mit aufsehenerregendem Besatz aus Federn und Bändern gegriffen. Bei den Herren war im der viktorianischen Zeitalter der Griff zu einem Zylinder oder einer Melone obligatorisch. 

Victorian Gothic und das viktorianische Zeitalter: Ein kleiner Vergleich

Wenn man sich mit dem Thema Gothic-Mode auseinandersetzt, steht eines immer ganz klar im Mittelpunkt: Einzigartigkeit. Zwar werden die verschiedensten Stilelemente aus vergangenen Epochen, darunter auch gerne das viktorianische Zeitalter, aufgegriffen, diese werden aber gekonnt und äußerst abwechslungsreich miteinander kombiniert, um letztendlich etwas komplett Neues zu erschaffen. Auch die Modeerscheinungen der viktorianischen Zeit wurden in Folge der rasant voranschreitenden Industrialisierung innerhalb weniger Jahrzehnte einem kompletten Wandel unterzogen. Ausschlaggebend für diese Entwicklung war unter anderem die in den 1850er Jahren stark angestiegene Produktion von Nähmaschinen sowie die Einführung synthetischer Farbstoffe, die eine schnellere und günstigere Produktion von Kleidung ermöglichte. Um die Jahrhundertwende wurde die Mode zunehmend maschinell hergestellt, der Beginn des Massenkonsums war somit eingeleitet. 

Bezüglich der Vielseitigkeit der Damen- und Herrenmode gibt es also schon einige Übereinstimmungen, auch enge Korsagen, lange wallende Röcke und Gehröcke sind in der den vornehmen Stil liebenden Gothic-Szene durchaus populär. Doch so farbenfroh wie in der viktorianischen Zeit geht es bei klassischer schwarzer Düstermode natürlich keineswegs zu. Die Farbe Schwarz dominiert, wird höchstens hier und da mit einem Hauch Blutrot, Smaragdgrün oder dunklem Lila bereichert. Aus diesem Grund ist der ebenfalls öfter bemühte Bezug zur viktorianischen Trauermode, die zwar mit eng geschnürtem Korsett aufwartete, ansonsten aber eher hochgeschlossen und streng sowie mit opulentem Trauerschleier daherkam, nicht unbedingt von der Hand zu weisen. 

Doch wie wir es auch drehen und wenden, von DER klassischen viktorianischen Gothic-Kleidung zu sprechen ist nicht wirklich richtig – und das ist auch gut so! 

Unser Fazit: Viktorianisch ist, wie es euch gefällt!

Die schwarze Szene und ihre Gothic-Bekleidung lassen sich nicht auf eine bestimmte historische Ära herunterbrechen. Betrachtet man die vielen fantasievollen Designs von düster gekleideten Romantikern, so können die unterschiedlichsten Stilelemente und Schnitte vergangener Epochen, neben der viktorianischen Zeit vor allem auch aus dem Rokoko und der Renaissance, in ihren oft atemberaubend schönen Roben entdeckt werden. 

Gothic-Anhänger mit Hang zu Mode vergangener Tage können ihr Faible somit frei von Vorschriften nach ihren ureigenen Vorstellungen ausleben. Getragen wird das, worin man sich persönlich am wohlsten (und attraktivsten) fühlt. Vorgeschriebene Authentizität führt nur zu Schubladendenken. So etwas ist in der Düsterszene nun einmal absolut unerwünscht und darauf sind wir auch sehr stolz! 

Kleine Anmerkung am Ende: Ein anderer Kleidungs- bzw. oft auch Lebensstil, der seinen Ursprung in der heutigen (Wunsch-)Vorstellung des späten 19. Jahrhunderts mit seiner Industrialisierung und Kolonialisierung hat, ist der sogenannte Steampunk. Doch das ist ein anderes Thema und soll ein anderes Mal im Detail genauer beleuchtet werden!

Victorian Goth